Fünf Dinge, die wir vom Kanada GP gelernt haben
- vor 3 Tagen
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Montreal hat einmal mehr gezeigt, warum dieser Kurs zu den eigenwilligsten Stationen im Kalender zählt. Kaum eine Strecke verbindet Strategie und Zufall so eng miteinander – und kaum eine verzeiht so wenig. Zwischen cleverem Reifenmanagement, mutigen Entscheidungen und einer Serie von Zwischenfällen entstand ein Rennen, das lange nachwirken wird.
Tom Oldenmenger – der Sieg, der sich abgezeichnet hat

Es war kein klassischer Durchmarsch, sondern ein Sieg, der sich leise aufgebaut hat.Tom Oldenmenger gewinnt in Montreal sein erstes VFC-Rennen – und tut das auf eine Art, die im Vorfeld nur wenige auf dem Zettel hatten.
Die Ausgangslage war ungewöhnlich: Gemeinsam mit Mirco Mancini, Rouven Meschede (als Ersatz für Sven Schubert), Daniel Scott sowie beiden Rookie Monsters startete Oldenmenger aus der Boxengasse. Der sechste Motor – und damit der Pflichtstart aus der Pitlane – wirkte zunächst wie ein klarer Nachteil.
Doch genau daraus entwickelte sich die Stärke seines Rennens.
Während sich vor ihm das Feld in Zweikämpfen und Zwischenfällen verstrickte, fuhr Oldenmenger ein nahezu klinisch sauberes Rennen. Kaum Risiko, kaum unnötige Bewegungen – stattdessen konsequentes Management von Reifen und Abstand. Seine Ein-Stopp-Strategie, von ihm selbst als „nahezu ohne Reifenverschleiß“ beschrieben, war dabei das Fundament.
Als die Konkurrenz in der Schlussphase erneut an die Box musste, blieb Oldenmenger draußen. Und weil das Rennen ohne weitere Neutralisation auskam, wurde aus der Strategie ein klarer Vorteil.
Der Sieg war zu keinem Zeitpunkt spektakulär – aber genau deshalb so eindrucksvoll.Und er wiegt doppelt: Ohne den abwesenden Sven Schubert setzt sich Oldenmenger mit zwölf Punkten Vorsprung an die Spitze der Gesamtwertung.
Ein Erfolg, der nicht nur Punkte bringt, sondern auch eine klare Botschaft sendet.
Optiminal sorgt für Unruhe im Fahrerlager

So ruhig und kontrolliert Oldenmengers Rennen verlief, so unruhig war der Auftritt von Optiminal Esports.
Heiko Kolvenbach und Ersatzfahrer Rouven Meschede fielen durch einen auffallend aggressiven Fahrstil auf. Mehrere Zwischenfälle, späte Bremsmanöver und riskante Überholversuche prägten ihr Rennen – und sorgten im Fahrerlager für spürbare Irritation.
Was auf der Strecke noch als Grenzgang durchgeht, wurde danach offen diskutiert.Einige Stimmen forderten sogar Sanktionen, um ein klares Signal zu setzen.
Für ein Team, das als amtierender Teamweltmeister antritt, ist das eine ungewohnte Situation.Nicht das Ergebnis steht im Mittelpunkt – sondern die Art und Weise.
Razor GP – Geschwindigkeit ist wieder da

Wenn es ein Team gibt, das Montreal mit Rückenwind verlässt, dann ist es Razor GP.
Mit einem umfangreichen Updatepaket kehrten die „Chromfarbenen“ in Kanada zurück – und lieferten im Qualifying direkt die Antwort: Doppel-Pole, und das mit einem Abstand, der keinen Zweifel an der Pace ließ.
Im Rennen bestätigte sich dieser Eindruck zunächst. Bastian Paisler übernahm die Führung und kontrollierte das Tempo, während Fabian Walter dahinter absicherte.
Doch Montreal wäre nicht Montreal, wenn es so einfach bliebe.
Die zahlreichen Safety-Car-Phasen zerstörten Paislers Strategie vollständig. Aus einem kontrollierten Rennen wurde ein taktisches Puzzle – mit dem schlechteren Ende für ihn. Platz elf ist das Ergebnis, aber nicht die Geschichte.
Walter hingegen blieb stabiler im Rennen und brachte mit Platz vier das bislang beste Saisonresultat für Razor ins Ziel.
Die Erkenntnis ist eindeutig:Die Geschwindigkeit ist zurück. Jetzt muss sie nur noch in Ergebnisse übersetzt werden.
Fünf Rennen, fünf Sieger – ein offener Titelkampf

Die Saison 2026 entwickelt sich in eine Richtung, die kaum vorhersehbar war.
Nach fünf Rennen stehen fünf verschiedene Sieger fest – eine Verteilung, die selbst im Vergleich zu außergewöhnlichen Jahren heraussticht. In der Vorsaison waren es insgesamt nur sechs.
Diese Breite an der Spitze verändert den Charakter der Meisterschaft. Es gibt nicht mehr den einen dominanten Fahrer – sondern mehrere, die jederzeit gewinnen können.
Mit Blick auf Miami ist ein weiteres Novum durchaus möglich: Ein sechster Sieger im sechsten Rennen wäre keine Überraschung mehr.
Und die Kandidaten sind da – Kolvenbach, Mancini und andere haben mehrfach gezeigt, dass ihnen nur ein sauberer Rennverlauf fehlt.
Der Titelkampf ist nicht nur offen – er ist in Bewegung.
Montreal – Chaos mit System

Es gibt Strecken, auf denen Chaos entsteht. Und es gibt Montreal.
Vier Safety-Car-Phasen, zahlreiche Kollisionen und ein Rennen, das selten in einen stabilen Rhythmus fand, bestimmten das Bild. Der Kurs auf der Île Notre-Dame zeigte einmal mehr, wie schnell Kontrolle in Unordnung kippen kann.
Die Liste der Zwischenfälle ist lang: Der schwere Unfall zwischen Chris Gitsov und Daniel Scott, mehrere Überschläge – unter anderem von Fabian Szyrzik, Robin Moelling und Stefan Schubert – und zahlreiche kleinere Kontakte, die sich über das gesamte Feld verteilten.
Bemerkenswert dabei: Moelling kämpfte sich trotz seines Zwischenfalls zurück und stand am Ende sogar auf dem Podium – ein Ergebnis, das den Charakter dieses Rennens kaum besser beschreiben könnte.
Auch die Boxengasse wurde zum Schauplatz des Chaos. Enge Verhältnisse, gleichzeitig einlaufende Fahrzeuge und die ständigen Neutralisationen führten zu blockierten Plätzen und unübersichtlichen Situationen. Besonders Alex Woitala geriet dabei mehrfach in Schwierigkeiten und machte seinem Ärger im Anschluss deutlich Luft.
So spektakulär das Rennen für Zuschauer war – sportlich hinterließ es gemischte Eindrücke. Die fahrerische Disziplin ließ in vielen Situationen zu wünschen übrig.
Mit Miami steht das nächste Rennen an.Und die Hoffnung ist klar: weniger Chaos – und mehr Kontrolle.



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