2025 gegen 2026: Der große Teamcheck nach den ersten vier Rennen | Teil 6 von 6
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Vier Rennen sind gefahren, die Frühlingspause ist da – und damit der perfekte Zeitpunkt für die nächste Standortbestimmung. Im sechsten Teil unseres großen Teamchecks richten wir den Blick auf Razor GP und Optiminal Esports, zwei Teams, die 2026 aus völlig unterschiedlichen Richtungen auf die Spitze schauen.
Razor GP: Vom Maßstab des Vorjahres zum Projekt mit offenen Fragen

Bei Razor GP springt der Unterschied zu 2025 sofort ins Auge. 29 Punkte statt 86, kein Sieg, kein Podium, nur Rang fünf in der Teamwertung – das ist nicht einfach nur ein kleiner Dämpfer, das ist ein drastischer Rückschritt. Ein Team, das vor einem Jahr nach vier Rennen noch wie ein echter Maßstab wirkte, hat sich in dieser frühen Saisonphase zunächst einmal deutlich von genau diesem Niveau entfernt.
Die Gründe dafür liegen allerdings tiefer als nur in einer simplen Formkrise. Zum einen scheint es vor allem bei Bastian Paisler Performanceprobleme zu geben. Das allein erklärt nicht alles, nimmt dem Team aber sichtbar eine wichtige sportliche Säule. Wenn einer der Fahrer nicht das Niveau bringt, das für konstante Topresultate nötig wäre, dann spürt das ein Team wie Razor sofort in jeder Statistik. Gerade bei einer Mannschaft, die 2025 noch von Präsenz, Wucht und Klarheit lebte, fällt so ein Leistungsverlust doppelt ins Gewicht.
Zum anderen hat Razor ganz bewusst einen anderen Weg gewählt als im Vorjahr. 2025 baute man offensichtlich auf ein Auto, das früh in der Saison sofort scharf war. 2026 scheint das Konzept anders angelegt zu sein: nicht das beste Paket für den Saisonstart, sondern eine Ausrichtung, die vor allem auf den späteren Saisonverlauf und den Endspurt abzielt. Genau deshalb kommt den Updates vor Kanada eine besondere Bedeutung zu. Sie sollen den Grundstein dafür legen, die Lücke weiter zu schließen und das Auto Schritt für Schritt in die Richtung zu bringen, die intern offenbar von Anfang an vorgesehen war.
Und genau hier beginnt die eigentliche Spannung rund um Razor GP. Denn diese Strategie kann sich am Ende als klug erweisen – oder sie kann einen unangenehmen Verdacht nur noch verstärken. Schließlich war bereits das letzte Saisondrittel 2025 nicht mehr auf dem Niveau des furiosen Saisonbeginns. Deshalb stellt sich jetzt die Frage, ob Razor tatsächlich nur auf den richtigen Zeitpunkt wartet, um wieder zuzuschlagen, oder ob der große Höhenflug des Vorjahres am Ende doch eher eine außergewöhnliche Momentaufnahme war. Im Fahrerlager wird diese Möglichkeit jedenfalls hinter vorgehaltener Hand nicht mehr konsequent bestritten.
Genau deshalb steht Razor GP vor einer entscheidenden Phase. Noch ist das Team nicht abgeschrieben, noch ist genug Qualität da, um sich wieder heranzuarbeiten. Aber Kanada und die kommenden Rennen werden zeigen müssen, ob dieser Rückstand wirklich Teil eines Plans ist – oder ob Razor in Wahrheit weiter von seinem starken 2025 zehrt, ohne dieses Niveau aktuell noch einmal wirklich reproduzieren zu können.
Optiminal Esports: Der Primus bleibt vorne – trotz kleiner erster Warnzeichen

Während Razor nach Antworten sucht, liefert Optiminal Esports bislang genau das Bild, das viele nach 2025 erwartet haben: Kontinuität auf höchstem Niveau. 83 Punkte statt 60, Rang eins in der Team-WM statt Platz zwei, dazu weiterhin Siege, Podien und eine unübersehbare Präsenz an der Spitze – Optiminal hat nahtlos an das Vorjahr angeknüpft, in dem beide Titel gewonnen wurden. Auch 2026 ist dieses Team zunächst einmal wieder der Maßstab, an dem sich alle anderen orientieren müssen.
Sven Schubert verkörpert diese Stärke dabei wie kaum ein Zweiter. Der WM-Führende hält das Niveau aus dem Vorjahr und gibt Optiminal genau die sportliche Stabilität, die große Teams auszeichnet. Wenn es darauf ankommt, ist Schubert da. Schnell, präsent, belastbar. Genau deshalb wirkt Optiminal in dieser frühen Saisonphase nicht wie ein Team, das um die Spitze kämpft – sondern wie eines, das sie weiter kontrolliert.
Und trotzdem gibt es bei aller Dominanz auch die ersten kleinen Punkte, an denen man genauer hinschauen muss. Denn auf lange Sicht scheint Optiminal nicht mehr über die besten finanziellen Ressourcen im Feld zu verfügen. Das ist kein akutes Alarmzeichen, aber sehr wohl ein Faktor, der für den weiteren Saisonverlauf relevant werden kann. Auch deshalb reist das Team nur mit einem kleinen Updatepaket nach Kanada. Optiminal bleibt stark, aber es wirkt nicht mehr ganz so selbstverständlich unangreifbar, wenn man den Blick ein Stück weiter in die Zukunft richtet.
Hinzu kommt, dass das Team intern nicht nur von Sven Schubert leben kann. Heiko Kolvenbach muss sich ebenfalls strecken und vor allem konstanter in Schlagdistanz zu Schubert bleiben. Für den Unfall am Suzuka-Start konnte er natürlich nichts – wohl aber für die Ausgangslage, in die er sich mit seinem Zwischenfall in Q1 selbst gebracht hatte. Genau darin liegt die Herausforderung für ihn: nicht nur schnell sein, sondern sich auch die Wochenenden so aufbauen, dass er gar nicht erst in solche verwundbaren Positionen gerät. Denn wenn Optiminal beide Titel verteidigen will, braucht das Team nicht nur einen dominanten Schubert, sondern auch einen zweiten Fahrer, der dauerhaft mitträgt.
Trotzdem ist die Gesamtwirkung klar positiv – und vielleicht sogar größer als nur das rein Sportliche. Denn offenbar haben sich bereits mehrere Fahrer bei Teamchef Meschede nach einem möglichen Engagement 2027 erkundigt. Auch das ist ein Zeichen der Stärke. Erfolgreiche Teams gewinnen nicht nur Rennen, sie ziehen Interesse an. Sie werden zum Ziel. Und genau das scheint bei Optiminal inzwischen wieder der Fall zu sein.
So steht Optiminal Esports nach vier Rennen dort, wo Titelverteidiger stehen wollen: ganz vorne. Aber anders als 2025 zeichnet sich im Hintergrund bereits ab, dass dieses Team seine Dominanz nicht einfach endlos aus einem Überfluss an Ressourcen speisen kann. Gerade deshalb könnte die bisherige Stärke noch beeindruckender sein – und gleichzeitig umso entscheidender dafür, wie lange man die Konkurrenz noch auf Distanz halten kann.
Zwei Topteams, zwei völlig verschiedene Geschichten
Nach vier Rennen lässt sich deshalb auch hier ein klares Zwischenfazit ziehen: Razor GP kämpft mit einem heftigen Rückstand auf das eigene Vorjahresniveau und muss nun beweisen, dass hinter dem schwachen Saisonstart tatsächlich ein größerer Plan steckt. Optiminal Esports dagegen hat seine Rolle als Spitzenreiter eindrucksvoll bestätigt, auch wenn im Hintergrund erste Themen sichtbar werden, die auf lange Sicht noch wichtig werden könnten.
Gerade deshalb wird Kanada für beide Teams besonders spannend. Für Razor als Chance, die eigene Strategie erstmals sichtbar auf die Strecke zu bringen. Für Optiminal als Gelegenheit, die Führung weiter zu festigen und gleichzeitig zu zeigen, dass man trotz kleinerer finanzieller Fragezeichen sportlich noch immer das kompletteste Paket im Feld ist.

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